Koshiki no Kata

古式の形 (Form der antiken Techniken)

Diese Kata führt zurück zur Kito ryu, einer der ältesten, berühmtesten und angesehensten .Ju Jitsu-Schulen des japanischen Feudalzeitalters, und damit zu einer der Wurzeln, aus denen Kano Jigoro viele seiner Techniken entlehnte, die im heutigen Kodokan-Judo ihre weitergehende Ausprägung erfahren haben.

Den Lehren der Kito-Schule lagen vor allem die Prinzipien des Wa (Harmonie, Einklang, Flüssigkeit) und des Ju (Biegsamkeit, Weichheit, Geschmeidigkeit). Die Ryu verfolgte aber auch höhere, erhabenere, esoterische und geistige Ziele, sich selbst in den Einklang mit dem Universum zu bringen. Professor Keno war einer der letzten Schüler der Kito-Ryu, der aufgrund seiner überragenden Fähigkeiten noch in die geheimen Lehren dieser Schule eingeweiht wurde. Die Techniken der Kito-Ryu wurden schnell, fließend und unmittelbar ausgeführt und beruhten in ihrer Wirksamkeit vor allem auf dem Freisetzen der inneren Energie. lm Vordergrund der Nage waza standen schleudernde und Opferwürfe (sutemi waza). Diese Kata hat Kano aus den fünf Kata der Kito-Schule zusammengestellt, weshalb sie auch Kito ryu no kata, Kata der Kito-Schule, genannt wird. Kano hat sie im Wesentlichen unverändert übernommen, vor allem, um mit diesen Formen das Gedenken an seine eigenen Lehrer wachzuhalten und an die auf diesem Wege überlieferten uralten, kriegerischen Ursprünge des Ju Jitsu und Judo zu erinnern.

Auch der Begründer des modernen Aikido, Morihei Ueshiba hat lange Jahre ebenso Ju Jitsu an der Kito ryu studiert wie Kenji Tomiki, der ebenfalls eine in Japan und Amerika berühmte Aikidoschule ins Leben rief. Solange Jigoro Kane lebte, war diese Kata seine Lieblingskata, die er als Tori in einen feierlichen schwarzen Hakama gekleidet mit seinen Schülern Yamashi-ta Yoshioka (10. Dan) und lsogai Haji-me (10. Dan) demonstrierte. Koshiki no Kata stellt ein wesentliches Bindeglied zwischen dem alten Ju Jitsu und dem modernen Judo dar Ihre Techniken bauen auf den Erfahrungen auf, welche die Berufskrieger (Samurai) auf den Schlachtfeldern im Kampfgetümmel des Nahkampfes (kumi uchi) über Jahrhunderte hinweg gesammelt hatten, wenn sie sich im tödlichen Kräftemessen nach dem Verlust ihrer Waffen mit bloßen Händen gegenüber standen. Die kräftigen Beinschienen, abnehmbaren Schenkelpanzer, metallbeschlagenen Ärmel, der aus Eisenlamellen gefertigte Leibpanzer, die breiten Schulterklappen, der eiserne Kragen mit metallener Latz, die grimmige Maske aus lackiertem Eisen und ein Helm mit Schirm und eisengepanzertem Nackenschutz (shikorol) ließen leichtfüßiges Ausweichen und flinkes Handeln nur in sehr eng begrenztem Maße zur Diese schweren Rüstungen der Feudalzeit(yoroi) boten zudem im Kampf Mann gegen Mann nur ganz bestimmte, eingeschränkt wirksame Angriffs- und Verteidigungsmöglichkeiten. In dieser Kata besteht die große Schwierigkeit für Tori und Uke vor allem darin, durch vornehme Haltung, Wachsamkeit, große innere Ruhe, Konzentration auf das Wesentliche, Harmonie und fast feierliche Gesten die Atmosphäre des echten Kampfes zu schaffen.

Diese Kata umfasst insgesamt 2 Angriffe und Verteidigungen, die in zwei Gruppen, Omote und Ura, gegliedert sind. Omote (von vorn, auf der Stelle, positiv; erkennbar; grundlegend im übertragenen Sinne) umfasst 14 Techniken, die einem gemessenen Rhythmus folgend, mit deutlichen Pausen zwischen den Würfen dargestellt werden Jeweils zwei Techniken sind komplementär miteinander verbunden. Uke versucht, Tori nach erfolglosem erstem Angriff mit einer ähnlichen zweiten Attacke zu bedrängen. Tori und Uke bewegen sich entsprechend dem Gewicht der Panzer, in die sie aktiv eingekleidet sind, mit Ernsthaftigkeit, ein wenig steif, würdevoll und unerschütterlich wie ein schwerer Stein und folgen fast feierlich einem langsamen Rhythmus. Das Tai sabaki der Vorführenden erscheint starr und künstlich, vergleichbar dem Vorrücken eines Automaten. Die zweite Gruppe, Ura (nach hinten, Rückseite, negativ; verborgen), umfasst sieben Handlungen, die sich im Gegensatz zu der ersten Serie in schnellerer Ausführung ununterbrochen und ohne unnützen Zeitverlust aneinander reihen. Tori und Uke haben sich ihrer imaginären Rüstungen für die Ausführung dieser Techniken entledigt.

Koshiki no kata verdeutlicht das Prinzip des lu. Körperbewegungen und Krafteinsatz werden ohne Anstrengung ausgeführt und versetzen Tori in die Lage, Uke unter Kontrolle zu bringen, ohne gegen dessen Kraft anzukämpfen. Die grundlegenden Techniken für das Verständnis dieser Kata ist die Kenntnis der Prinzipien von Tai (Haltung des Aufbruchs, d. h. gerüstet sein für die folgenden Angriffe Ukes) und Yume no uchi. Sie lehren sowohl, dass wenige Wurfprinzipien auf viele Arten und Weisen erfolgreich angewendet werden können (z. B. Yoko wakare in den unterschiedlichsten Anwendungsformen sowohl als Yoko sutemi waza als auch als Ma suterni waza) als auch äußere Gelassenheit als auch innere Ruhe. Die Persönlichkeiten von Tori und Uke drücken sich in dieser Kata vor allem in ihrer Haltung, die durch den Schwerpunkt bestimmt ist, in ihrem Atemrhythmus und in dem Verhältnis von Spannung und Entspanntheit aus.

Die Theorie der Beziehungen zwischen Geist und Körper lehrt, dass körperliche Ruhe (zu der die Grundstellung Tai beiträgt) unmittelbar zur geistigen führt und umgekehrt. Wenn die Haltung ruhig ist, ist auch der Geist ausgeglichen, Die alten Meister betrachteten deshalb Angst, Zweifel, Hast und Unruhe als die vier Grundübel, die das innere Gleichgewicht wesentlich stören, Sie strebten daher unter anderem auf der Grundlage der Ausübung der kriegerischen Künste einen gelassenen Zustand des Geistes an, der durch nichts erschüttert werden konnte (muga mushin: kein lch, kein Gedanke; zanshin: allzeit flinke Kampfbereitschaft)

(Quelle: Klaus Hanelt, ehemaliger DJB-Katabeauftragter)

 

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